Interview mit Ralph Scherrer, Bereichsleiter Soziales und Gesellschaft

Bild: Ralph Scherrer, Bereichsleiter Soziales und Gesellschaft
Autor: Peter Thoma
Ralph Scherrer stellte sich den Fragen von Peter Thoma zu den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Sozialhilfe.

Wie präsentiert sich die Entwicklung der Stadt Rorschach in der Sozialhilfestatistik?

Einleitend ist Folgendes festzuhalten:

Die Sozialhilfe übernimmt eine zentrale Funktion in der Förderung und im Erhalt des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Schweiz. Gemeinden mit einer höheren Sozialhilfequote leisten auch einen höheren Beitrag an diese wichtige Aufgabe. Rorschach hatte 2015 mit 4,5 % die höchste Sozialhilfequote im Kanton St. Gallen. Ab 2018 sank die Quote bis 2021 auf 2.8 %. In den letzten beiden Jahren hat sie sich stabilisiert. Der kantonale Schnitt der Sozialhilfequote lag 2022 bei 2.0 %. Nachfolgend die Rorschacher Entwicklung von 2008 bis 2022:

Gibt es den typischen Klienten, die typische Klientin?

Nein, die gibt es nicht. Die Zusammensetzung der Klientinnen und Klienten ist sehr vielfältig. Zwei Merkmale sind jedoch häufig zu beobachten. Es sind dies längerfristige gesundheitliche Probleme und/oder ein fehlendes soziales Umfeld. Kommt hinzu, dass die meisten Klientinnen und Klienten kombinierte Problemstellungen haben, welche einander auch gegenseitig beeinflussen (psychosozial, gesundheitlich, beruflich, familiär, finanziell usw.).

Wie verteilen sich die Klientinnen und Klienten nach Herkunft?

Diese Daten liegen transparent vor und können der Sozialhilfestatistik des Bundesamtes für Statistik entnommen werden. Im Jahr 2022 lag der Ausländeranteil bei den Sozialhilfebeziehenden in Rorschach bei 62,6 %. Davon stammen 21.8 % aus EU- und EFTA-Ländern, 28,5 % aus dem übrigen Europa und 49,7 % aus übrigen Ländern. Beim Ausländeranteil liegt der Kantonsdurchschnitt bei 52,5 %.

Gibt es im Umgang mit Klientinnen und Klienten besondere Probleme, wie zum Beispiel Drohungen?

Insgesamt darf man sich die Zusammenarbeit zwischen Sozialberatung und Klientinnen und Klienten als Kooperation auf Augenhöhe vorstellen. Nichtsdestotrotz bewegen wir uns im Bereich der gesetzlichen Sozialhilfe. Dem Recht auf Anspruch auf Hilfe stehen auch Pflichten gegenüber. Insbesondere dann, wenn Klientinnen und Klienten diesen Verpflichtungen nicht nachkommen, kann dies das Zusammenarbeitsverhältnis belasten und es müssen sozialhilferechtliche Massnahmen (Auflagen, Sanktionen) ergriffen werden. Im Zuge solcher Massnahmen kann es zu Auffälligkeiten und Drohungen kommen. Das gilt auch, wenn die unterstützungsbedürftige Person unter spezifischen Erkrankungen leidet (Abhängigkeitserkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen). So verzeichneten wir letzten Sommer auch eine Amok-Drohung gegen gewisse Personen des Sozialamtes. Solche Fälle sind selten, doch sie kommen vor und können in den jeweiligen Situationen für das Team oder die betreffenden Personen aus dem Team sehr belastend sein. Es gilt aber auch festzuhalten, dass wir in der Beziehungsgestaltung auch massgeblich Einfluss darauf haben, wie sich solche Situationen entwickeln und ich darf feststellen, dass uns dies sehr gut gelingt.

Wo drückt das Sozialamt der Schuh am meisten?

Die Verfahren bei der Invalidenversicherung dauern sehr lange, oft über mehrere Jahre. Hinzu kommt, dass die behandelnden Ärzte die betreffenden Personen über dieselbe Zeitdauer sehr oft zu 100 % arbeitsunfähig schreiben. Das bedeutet in einer versicherungsmedizinischen Beurteilung, wie sie die Invalidenversicherung aufgrund der aktuellen gesetzlichen Gegebenheiten vornehmen muss, jedoch noch lange nicht, dass auch Anspruch auf eine IV-Rente besteht. Immer wieder führt dies zur Situation, dass wir Personen betreuen, die über Jahre hinweg vollständig krankgeschrieben wurden und dann von der IV den Entscheid erhalten, dass sie keinen Anspruch haben. Man kann sich in etwa vorstellen, wie herausfordernd es für alle Beteiligten ist, nach mehrjähriger Arbeitsunfähigkeit den Weg zurück in den Arbeitsmarkt zu finden. Wünschen würden wir uns, dass die behandelnden Ärzte enger mit uns zusammenarbeiten und sie die Arbeitsunfähigkeit immer differenziert beurteilen. Dies würde es uns deutlich erleichtern, die Arbeitsmarktfähigkeit, aber auch die soziale Integration der betreffenden Personen zumindest teilweise zu erhalten.

Ein weiteres Thema ist die Verteilung der Personen im Asylwesen. Im Kanton St .Gallen werden bei der Verteilung der geflüchteten Personen nur diejenigen Personen berücksichtigt, für welche vom Bund die Globalpauschale ausgerichtet wird. Diese endet je nach Flüchtlingsstatus nach 5 bis 7 Jahren. Anschliessend muss die Wohngemeinde die Sozialhilfe für diese Personen vollumfänglich finanzieren. Geflüchtete Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung B haben Niederlassungsfreiheit. Aufgrund des günstigen Wohnraums hat dies dazu geführt, dass viele geflüchtete Menschen mit einer B-Bewilligung nach Rorschach gezogen sind. Parallel dazu musste Rorschach laufend neue Fälle aufnehmen, um die Soll-Zahlen zu erfüllen. Im Ergebnis liegt der Anteil an geflüchteten Personen in Rorschach deutlich über dem kantonalen Schnitt. Entsprechend sind in Rorschach auch die Sozialhilfekosten in diesem Bereich überdurchschnittlich hoch. Ganz nebenbei erhöht diese Situation das Armutsrisiko in der Stadt Rorschach grundsätzlich, da selbst arbeitstätige geflüchtete Personen aufgrund von Sprache und Bildungsstand ein deutlich erhöhtes Sozialhilferisiko aufweisen.

Welche Kosten belasten die Kasse der Stadt am stärksten?

Am stärksten belasten die Stadtkasse diejenigen Kosten, welche die Stadt nicht selbst beeinflussen kann. Man muss die Entwicklungen untätig zur Kenntnis nehmen und die anfallenden Kosten finanzieren. Explizit zu erwähnen sind die Kosten für die Pflegefinanzierung (Restfinanzierung) sowie die Kosten für Fremdplatzierungen, welche im vergangenen Jahr enorm zugenommen haben. Allein ein Fall mit fremdplatzierten Kindern kostet die Stadt Rorschach CHF 500’000.00 jährlich. Dieser eine Fall entspricht 40 % der Nettoausgaben der finanziellen Sozialhilfe aus dem Jahr 2023.

Selbstverständlich belastet auch die finanzielle Sozialhilfe die Stadtkasse. In diesem Bereich dürfen wir jedoch feststellen, dass sich diese Ausgaben zusammen mit den Kosten für die Arbeitsintegrationsmassnahmen von netto rund CH 3.9 Mio. im Jahr 2018 auf netto CHF 1.4 Mio. im letzten Jahr reduziert haben.

Wie sieht die Zukunft aus, wohin geht die Reise?

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre sind nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie sind das Resultat von inneren und äusseren Rahmenbedingungen. Die laufenden Anpassungen unserer Angebote, die stetige Optimierung unserer Prozesse und unserer Organisation konnten wir mit der guten wirtschaftlichen Situation, tiefen Arbeitslosenzahlen sowie einem Fach- bzw. Arbeitskräftemangel optimal verknüpfen. Zudem dürfen wir feststellen, dass sich die Stadt Rorschach generell in einer positiven Entwicklung befindet. Das sind gute Voraussetzungen, was auch die finanziellen Kennzahlen beweisen.

Demgegenüber steht eine anspruchsvolle Bevölkerungsstruktur. Hinzu kommt die Digitalisierung, eine in unserer Wahrnehmung immer restriktivere Gesetzesumsetzung von vorgelagerten sozialen Sicherungssystemen sowie die laufende Zunahme der Lebenshaltungskosten (Teuerung, Krankenkassenprämien). Dies spüren wir speziell stark in der Sozialberatung. Ausgelöst wurden diese Entwicklungen in den vergangenen Jahren durch immer neue Krisen, die nicht vorhersehbar waren. Entsprechend sehen wir uns weniger in der Rolle, die Zukunft zu antizipieren. Vielmehr verstehen wir uns als agile Organisation, die rasch und gezielt auf die entsprechenden Entwicklungen eingeht.

Wie präsentiert sich die Entwicklung der Stadt Rorschach in der Sozialhilfestatistik?

Einleitend ist Folgendes festzuhalten:

Die Sozialhilfe übernimmt eine zentrale Funktion in der Förderung und im Erhalt des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Schweiz. Gemeinden mit einer höheren Sozialhilfequote leisten auch einen höheren Beitrag an diese wichtige Aufgabe. Rorschach hatte 2015 mit 4,5 % die höchste Sozialhilfequote im Kanton St. Gallen. Ab 2018 sank die Quote bis 2021 auf 2.8 %. In den letzten beiden Jahren hat sie sich stabilisiert. Der kantonale Schnitt der Sozialhilfequote lag 2022 bei 2.0 %. Nachfolgend die Rorschacher Entwicklung von 2008 bis 2022:

Gibt es den typischen Klienten, die typische Klientin?

Nein, die gibt es nicht. Die Zusammensetzung der Klientinnen und Klienten ist sehr vielfältig. Zwei Merkmale sind jedoch häufig zu beobachten. Es sind dies längerfristige gesundheitliche Probleme und/oder ein fehlendes soziales Umfeld. Kommt hinzu, dass die meisten Klientinnen und Klienten kombinierte Problemstellungen haben, welche einander auch gegenseitig beeinflussen (psychosozial, gesundheitlich, beruflich, familiär, finanziell usw.).

Wie verteilen sich die Klientinnen und Klienten nach Herkunft?

Diese Daten liegen transparent vor und können der Sozialhilfestatistik des Bundesamtes für Statistik entnommen werden. Im Jahr 2022 lag der Ausländeranteil bei den Sozialhilfebeziehenden in Rorschach bei 62,6 %. Davon stammen 21.8 % aus EU- und EFTA-Ländern, 28,5 % aus dem übrigen Europa und 49,7 % aus übrigen Ländern. Beim Ausländeranteil liegt der Kantonsdurchschnitt bei 52,5 %.

Gibt es im Umgang mit Klientinnen und Klienten besondere Probleme, wie zum Beispiel Drohungen?

Insgesamt darf man sich die Zusammenarbeit zwischen Sozialberatung und Klientinnen und Klienten als Kooperation auf Augenhöhe vorstellen. Nichtsdestotrotz bewegen wir uns im Bereich der gesetzlichen Sozialhilfe. Dem Recht auf Anspruch auf Hilfe stehen auch Pflichten gegenüber. Insbesondere dann, wenn Klientinnen und Klienten diesen Verpflichtungen nicht nachkommen, kann dies das Zusammenarbeitsverhältnis belasten und es müssen sozialhilferechtliche Massnahmen (Auflagen, Sanktionen) ergriffen werden. Im Zuge solcher Massnahmen kann es zu Auffälligkeiten und Drohungen kommen. Das gilt auch, wenn die unterstützungsbedürftige Person unter spezifischen Erkrankungen leidet (Abhängigkeitserkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen). So verzeichneten wir letzten Sommer auch eine Amok-Drohung gegen gewisse Personen des Sozialamtes. Solche Fälle sind selten, doch sie kommen vor und können in den jeweiligen Situationen für das Team oder die betreffenden Personen aus dem Team sehr belastend sein. Es gilt aber auch festzuhalten, dass wir in der Beziehungsgestaltung auch massgeblich Einfluss darauf haben, wie sich solche Situationen entwickeln und ich darf feststellen, dass uns dies sehr gut gelingt.

Wo drückt das Sozialamt der Schuh am meisten?

Die Verfahren bei der Invalidenversicherung dauern sehr lange, oft über mehrere Jahre. Hinzu kommt, dass die behandelnden Ärzte die betreffenden Personen über dieselbe Zeitdauer sehr oft zu 100 % arbeitsunfähig schreiben. Das bedeutet in einer versicherungsmedizinischen Beurteilung, wie sie die Invalidenversicherung aufgrund der aktuellen gesetzlichen Gegebenheiten vornehmen muss, jedoch noch lange nicht, dass auch Anspruch auf eine IV-Rente besteht. Immer wieder führt dies zur Situation, dass wir Personen betreuen, die über Jahre hinweg vollständig krankgeschrieben wurden und dann von der IV den Entscheid erhalten, dass sie keinen Anspruch haben. Man kann sich in etwa vorstellen, wie herausfordernd es für alle Beteiligten ist, nach mehrjähriger Arbeitsunfähigkeit den Weg zurück in den Arbeitsmarkt zu finden. Wünschen würden wir uns, dass die behandelnden Ärzte enger mit uns zusammenarbeiten und sie die Arbeitsunfähigkeit immer differenziert beurteilen. Dies würde es uns deutlich erleichtern, die Arbeitsmarktfähigkeit, aber auch die soziale Integration der betreffenden Personen zumindest teilweise zu erhalten.

Ein weiteres Thema ist die Verteilung der Personen im Asylwesen. Im Kanton St .Gallen werden bei der Verteilung der geflüchteten Personen nur diejenigen Personen berücksichtigt, für welche vom Bund die Globalpauschale ausgerichtet wird. Diese endet je nach Flüchtlingsstatus nach 5 bis 7 Jahren. Anschliessend muss die Wohngemeinde die Sozialhilfe für diese Personen vollumfänglich finanzieren. Geflüchtete Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung B haben Niederlassungsfreiheit. Aufgrund des günstigen Wohnraums hat dies dazu geführt, dass viele geflüchtete Menschen mit einer B-Bewilligung nach Rorschach gezogen sind. Parallel dazu musste Rorschach laufend neue Fälle aufnehmen, um die Soll-Zahlen zu erfüllen. Im Ergebnis liegt der Anteil an geflüchteten Personen in Rorschach deutlich über dem kantonalen Schnitt. Entsprechend sind in Rorschach auch die Sozialhilfekosten in diesem Bereich überdurchschnittlich hoch. Ganz nebenbei erhöht diese Situation das Armutsrisiko in der Stadt Rorschach grundsätzlich, da selbst arbeitstätige geflüchtete Personen aufgrund von Sprache und Bildungsstand ein deutlich erhöhtes Sozialhilferisiko aufweisen.

Welche Kosten belasten die Kasse der Stadt am stärksten?

Am stärksten belasten die Stadtkasse diejenigen Kosten, welche die Stadt nicht selbst beeinflussen kann. Man muss die Entwicklungen untätig zur Kenntnis nehmen und die anfallenden Kosten finanzieren. Explizit zu erwähnen sind die Kosten für die Pflegefinanzierung (Restfinanzierung) sowie die Kosten für Fremdplatzierungen, welche im vergangenen Jahr enorm zugenommen haben. Allein ein Fall mit fremdplatzierten Kindern kostet die Stadt Rorschach CHF 500’000.00 jährlich. Dieser eine Fall entspricht 40 % der Nettoausgaben der finanziellen Sozialhilfe aus dem Jahr 2023.

Selbstverständlich belastet auch die finanzielle Sozialhilfe die Stadtkasse. In diesem Bereich dürfen wir jedoch feststellen, dass sich diese Ausgaben zusammen mit den Kosten für die Arbeitsintegrationsmassnahmen von netto rund CH 3.9 Mio. im Jahr 2018 auf netto CHF 1.4 Mio. im letzten Jahr reduziert haben.

Wie sieht die Zukunft aus, wohin geht die Reise?

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre sind nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie sind das Resultat von inneren und äusseren Rahmenbedingungen. Die laufenden Anpassungen unserer Angebote, die stetige Optimierung unserer Prozesse und unserer Organisation konnten wir mit der guten wirtschaftlichen Situation, tiefen Arbeitslosenzahlen sowie einem Fach- bzw. Arbeitskräftemangel optimal verknüpfen. Zudem dürfen wir feststellen, dass sich die Stadt Rorschach generell in einer positiven Entwicklung befindet. Das sind gute Voraussetzungen, was auch die finanziellen Kennzahlen beweisen.

Demgegenüber steht eine anspruchsvolle Bevölkerungsstruktur. Hinzu kommt die Digitalisierung, eine in unserer Wahrnehmung immer restriktivere Gesetzesumsetzung von vorgelagerten sozialen Sicherungssystemen sowie die laufende Zunahme der Lebenshaltungskosten (Teuerung, Krankenkassenprämien). Dies spüren wir speziell stark in der Sozialberatung. Ausgelöst wurden diese Entwicklungen in den vergangenen Jahren durch immer neue Krisen, die nicht vorhersehbar waren. Entsprechend sehen wir uns weniger in der Rolle, die Zukunft zu antizipieren. Vielmehr verstehen wir uns als agile Organisation, die rasch und gezielt auf die entsprechenden Entwicklungen eingeht.

Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert